Man hat sie lange übersehen. Nicht weil sie sich etwa verbarg – denn ihr Dasein ist von solcher nervösen Offenheit, dass es den Schleier des Verborgenen selbst zerreißt –, sondern weil ihr Tun uns zu bekannt, zu klein, zu beiläufig erschien. Und doch ist sie, die Spitzmaus, der vielleicht reinste Ausdruck dessen, was man den Urtrieb der Neugier nennen darf: nicht aus Lust am Wissen, sondern aus Notwendigkeit des Fragens.
Ihr Schnüffeln – diese unstete Bewegung der Schnauze, dieses nervös flackernde Abtasten der Welt in kleinsten Portionen – ist kein Suchen nach etwas, sondern ein Suchen nach allem. Es ist das Seismogramm eines Wesens, das noch nicht beschlossen hat, was wichtig sei, und dem daher alles wichtig ist.
So ist die Spitzmaus weniger Tier als Fragezeichen auf vier Beinen. Ihr Weg ist ein Muster aus Zögern und Aufspringen, aus Sich-Vergewissern und Sich-Verlieren – wie ein Gedanke, der sich selbst noch nicht kennt. Sie weiß nicht, dass sie neugierig ist. Aber sie ist es mit jeder Faser. Neugier ist ihr Bewegungsprinzip, nicht ihr Vorsatz.
Was der Mensch durch Fernrohre und Theorien zu erreichen sucht, vollzieht die Spitzmaus in feuchten Laubhaufen, in Spalten zwischen Wurzeln, in der Ahnung eines Geruchs. Ihr Schnüffeln ist der Urversuch des Lebendigen, das Andere nicht nur zu dulden, sondern zu befragen. In dieser rastlosen Befragung liegt ein tieferer Adel als in jeder systematischen Forschung – denn hier fragt ein Wesen nicht, um zu besitzen, sondern um zu bestehen.
Der Mensch schnüffelt nicht. Nicht, weil er nicht könnte – seine Nase ist zu vielem fähig –, sondern weil er sich schämt. Das Schnüffeln ist ihm zu nah, zu entblößend, zu ehrlich. Und doch verdankt er seinen Fortschritt jenen wenigen, die wie die Spitzmaus denken: zu nah, zu entblößend, zu ehrlich.
So bleibt die Spitzmaus ein Gleichnis – nicht für Klugheit, nicht für Mut, sondern für jenen flimmernden Zustand des Geistes, der sich noch nicht entschieden hat, ob die Welt ihm feindlich oder freundlich ist, und der sie deshalb in immer neuen Atemzügen kosten muss. Neugier, das ist keine Gier nach Neuem, sondern das Alte in jedem Neuen wittern.
Darum: Wenn man künftig von Forschung spricht, vom Erkunden und vom Verstehen, so vergesse man nicht das kleine Tier, das unbeachtet am Rande des Weges steht, zitternd, schnüffelnd – und in seinem Zögern bereits ein Weltbild entwirft.