Das Berner Würstchen

Der Überdruss ist nicht das Ende des Genusses, sondern seine Schattenform.
Das Berner Würstchen hingegen ist sein Witz.

Es ist eine sonderbare Zeiterscheinung, dass ausgerechnet das Berner Würstchen – ein mit Käse und Speck ummantelter Fleischzylinder von ratloser Herkunft – zum Inbegriff des häuslichen Komforts avanciert ist. Man findet es in Supermärkten eingeschweißt, wie eine militärisch versiegelte Drohung; man findet es in Gasthäusern, auf Kindergeburtstagen, an Tankstellen – kurz: überall dort, wo man aufgehört hat, sich zu schämen.

Das Berner Würstchen ist der kulinarische Exkurs einer Gesellschaft, die an der Schwelle zur Dekadenz nicht etwa innehält, sondern sich eine Serviette umbindet.

Es ist ein Ding aus drei Dingen: eine Wurst, ein Käse, ein Speck. Alle drei für sich genommen respektabel, wenngleich keineswegs von erhabenem Rang. Doch in ihrer Verschmelzung, ihrer vermessenen Liaison, offenbart sich jene fatale Neigung des modernen Menschen, das Mehr mit dem Besseren zu verwechseln.

Der Käse, der beim Erhitzen hervorkriecht wie eine schlampige Beichte; der Speck, der in fiebriger Umklammerung das Ganze zu retten sucht und dabei selbst verbrennt; die Wurst, die stumm bleibt, weil sie nie um ein Wort gebeten wurde – es ist dies nicht etwa ein Gericht, sondern eine Pose. Eine fleischgewordene Resignation vor dem eigenen Geschmack.

Der wahre Überdruss beginnt nicht mit dem dritten Bissen, sondern schon beim Blick auf das in sich kollabierende Ensemble. Man weiß, was kommen wird. Man weiß es und tut es dennoch. So wie man eine sentimentale Oper zu Ende sieht, obwohl man nach dem ersten Akt genug geweint hat.

Ich habe Berner Würstchen nur zweimal gegessen. Das erste Mal aus Neugier, das zweite Mal aus Übermut. Ich werde kein drittes Mal brauchen. Sie sind der flache Witz eines Feinschmeckers, der vergessen hat, dass Geschmack auch Haltung ist.

In Wahrheit, so scheint mir, wurde das Berner Würstchen nicht zum Essen erfunden, sondern als Prüfung. Eine Prüfung des Stolzes. Wer es genießt, hat sich bereits aufgegeben; wer es ablehnt, ist noch nicht verloren.