Betrachtungen der UR-Sache

Vom Ursprung dessen, was – und woraus – bei der Schöpfung geschöpft wurde

I.
Am Anfang war—nicht das Nichts, sondern das Noch-nicht. Wer schöpft, hält eine Kelle in der Hand; wer erschafft, hält den Atem an. Zwischen beiden Tätigkeiten liegt der schmale, glänzende Rand einer Schale: hier das „woraus“, dort das „was“. Wer von Ursprung spricht, verwechselt beides gern und fragt, wie der Suppentopf zu seinem Geschmack komme, ohne zu bemerken, dass der Geschmack weder vom Topf ist noch vom Feuer, sondern von der Geduld des Kochs — und der Reihenfolge, in der er das Salz wirft.

II.
Das „woraus“ ist der Vorrat des Möglichen. Nicht Materie allein, sondern eine Vorratskammer von Gestalten, die, ehe sie erscheinen, schon als Anstand existieren: als Schatten, der sich seiner späteren Körperlichkeit schämt. In dieser Kammer liegen die Dinge wie zerlegte Uhren — Feder, Zahn, Zapfen — und man würde schwören, die Zeit sei hier bereits anwesend, doch es ist nur das leise Klicken des Erwarteten. Das „woraus“ ist kein Stoff, der sich verbraucht, sondern ein Schweigen, das sich sprechen lässt.

III.
Das „was“ ist die Form mit einer Einladung. Jeder Weltanfang besteht aus einem höflichen Abstand: die kleinste Distanz zwischen Name und Ding. Darin entsteht Zeit. Man könnte sagen: Die Zeit ist die Höflichkeit, mit der wir den Dingen erlauben, rechtzeitig zu uns zu kommen. Wenn die UR-Sache eine Ursache wäre, sie wäre kein Stoß, sondern ein Aufschub; kein Schlag, sondern ein Takt. Nicht der erste Ton begründet die Melodie, sondern der Atem davor.

IV.
Es gibt eine alte Kunst, die Welt nicht zu beleuchten, sondern lesbar zu machen. Licht genügt nicht; es braucht Schatten, damit ein Umriss entsteht. Der Schöpfer — nennen wir ihn, um uns nicht in Eifersucht zu versetzen, den Ersten Leser — hat nicht aus blendender Helligkeit gemacht, sondern aus geglücktem Halbdunkel. Denn alles, was ohne Schatten ist, ist ohne Tiefe, und was ohne Tiefe ist, fällt in die Plattheit. Die UR-Sache ist demnach die Gabe, Schatten richtig zu stellen.

V.
Im Herzen jeder Erschaffung lauert ein Fehler, den man nicht verbessern darf: der feine Sprung in der ersten Schale. Durch diesen Riss tritt die Wirklichkeit aus der Dichtung, und nie wieder ganz zurück. Wer den Sprung kitten wollte, vernähme nur das matte Klirren einer überheilten Welt. Der Fehler ist nicht Makel, sondern Durchlass; nicht Mangel, sondern Maß. Ohne ihn wäre das Sein ein tadelloses, also unbrauchbares Glas.

VI.
Man hat viel vom Urschlamm und vom Urlicht geredet, doch selten von der Ur-Ordnung: jener leisen Grammatik, die das „woraus“ in „was“ verkehrt. Sie liegt nicht in den Dingen, sondern in den Übergängen. Erst dort, wo ein Zwischen entsteht, fällt das Erste in das Nächste, wie Schnee, der auf die Schulter setzt und, noch ehe er schmilzt, schon Gewicht wurde. Die UR-Sache ist dieser Übergang selbst: ein Gesetz ohne Paragraphen, eine Partitur ohne Noten, die dennoch singbar ist.

VII.
Sprache ist die zweite Kelle. Sie schöpft nicht Materie, sondern Nähe. Indem wir benennen, legen wir die Hand an die warme Stelle der Welt. Doch jedes Wort ist Verpflichtung: Es verspricht, was es nur annähernd halten kann, und gerade darin bewährt sich Wirklichkeit. Darum soll man die Dinge nicht beim ersten Namen nennen, sondern beim rechten — der selten der früheste ist. Das Eilige erzeugt Geräusch; das Reife, Gegenwart.

VIII.
Wer vom Ursprung redet, irrt, wenn er ihn hinten sucht. Der Ursprung ist nicht vor uns, sondern zwischen uns und der Bereitschaft, etwas gelten zu lassen. Aus der Bereitschaft wird der Brunnen, aus dem Brunnen die Kelle, aus der Kelle das Erste, das wir „Welt“ nennen. Was bleibt, ist das „woraus“, das, unerschöpft, als Echo mitgeht; und das „was“, das, erschöpft, sich erneuert, indem es erneut beim „woraus“ ansetzt. So ist jeder Tag ein Schöpfungsrest und jede Nacht der Vorrat.

IX.
Es gibt — man verzeihe die pedantische Geometrie — drei Kreise der UR-Sache: Möglichkeit, Maß, Milde. Möglichkeit, damit etwas sein könne; Maß, damit es nicht alles werde; Milde, damit es uns erträglich sei. Wo Möglichkeit ohne Maß herrscht, quillt das Werden ins Absurde; wo Maß ohne Milde, erstarrt es in Vorschrift. Nur die Milde weiß, dass der Riss in der Schale kein Unfall ist, sondern Einladung.

X.
Der Mensch ist nicht Schöpfer, sondern Mitschöpfling: Er schöpft, indem er achtet. Aufmerksamkeit ist das einzige Werkzeug, das beim Gebrauch schärfer wird. Wem man die Welt anvertraut, dem gibt man kein Zepter, sondern eine Lupe. So gesehen besteht die Tugend des Anfangs darin, die Dinge so langsam herbeizulesen, dass sie genug Zeit haben, sich zu erinnern, was sie sein wollten, ehe wir sie festlegen.

XI.
Und nun zur missverständlichen Frage: „Woraus wurde geschöpft?“ — Aus einer Stille, die mehr kennt als sie sagt. „Was wurde geschöpft?“ — Ein Klang, der weniger sagt als er kennt. Dazwischen ertönt das Einzige, was uns verbleibt: das Zarte der Unterscheidung. Wer diese Unterscheidung nicht übt, verwechselt Fülle mit Lärm; wer sie übertreibt, verwechselt Reinheit mit Leere. Die UR-Sache: ein Gleichgewicht, das nur hält, indem es schwingt.

XII.
Man könnte zuletzt behaupten — in jener Bescheidenheit, die dem Denkenden steht, wenn er merkt, dass seine Schritte auf einem Teppich erfolgen, den er nicht gewoben hat —: Der Ursprung ist kein Gegenstand, sondern eine Haltung. Sie heißt: Lass gelten. Nicht alles, nicht immer, nicht unterschiedslos; aber das, was, aus dem „woraus“ kommend, als „was“ zu dir will. Wer so schöpft, wird nicht Herr der Welt, sondern ihr Wirt. Und die Welt dankt es, indem sie bleibt.

Schluss:
Die UR-Sache ist weder Sache noch Ursache, sondern der leise Takt, der dem Ersten erlaubt, nicht das Letzte zu sein. Wer ihn hört, beginnt richtig: mit einem Atemzug, der die Kelle hebt, ohne sie zu leeren — und mit einem Wort, das die Stille nicht bricht, sondern öffnet.