Er sitzt.
Wie eine eiserne Figur in einem brennenden Puppenhaus.
Nicht das Licht der Vernunft fällt auf ihn,
sondern das fahle Flimmern eines Tablets,
in dessen Glas sich sein Gesicht verzieht
zu einer Fratze des gerechten Zorns.
Der SPIEGEL liegt offen –
wie ein Altar der Entrüstung,
ein Mosaik aus Halbsätzen und ganzem Hass,
in dem er täglich das Opferritual seiner Weltauffassung vollzieht.
Nicht das Denken,
sondern das Gären ist sein Element.
Nicht das Verstehen,
sondern das Verwerten von Feindbildern.
Nicht der Dialog,
sondern das Dekret.
In seinem Innern tobt ein ewiger Ausnahmezustand,
und draußen regnet es Kinderlachen,
das ihn stört.
Er träumt von Tyrannenmorden
und hält es für Aufklärung.
Er glaubt,
wer anders denkt,
hat sich selbst verwirkt.
Und nennt es:
den Preis der Wahrheit.
Er ist kein Leser –
er ist ein Kanal.
Was dort steht,
sickert in ihn ein wie schwarzer Sirup,
und aus seinem Munde tropfen dann die Worte
wie ausgeleckte Formulierungen fremder Hirne.
Er nennt es Meinung.
Doch es ist keine.
Es ist ein Rülpser,
geboren aus der Gärkammer eines entmenschlichten Selbst,
das sich selbst vergisst,
um die anderen besser verachten zu können.
Was er liest, ist nie neu.
Es sind die alten Schatten,
die ihn schon lange verfolgen –
nun aber in Spalten gegliedert,
bebildert,
verlinkt,
geteilt.
Er blickt in den SPIEGEL,
doch was er sieht,
sind nicht die Gesichter der Welt.
Es ist sein eigenes verzerrtes Ich,
mit dem er täglich ringt,
ohne es je zu erkennen.
Denn wer beginnt, andere zu entmenschlichen,
hat sich selbst bereits entkleidet –
der Seele,
der Würde,
des stillen Erbarmens.
Er sitzt.
Und mit jedem Artikel wird sein Rücken krummer,
sein Blick starrer,
seine Welt kleiner.
Und aus der Tiefe seines Lesesessels
ruft er –
nicht nach Wahrheit,
nicht nach Begegnung,
sondern nur nach weiteren Gründen,
allein zu bleiben.
Doch vielleicht –
irgendwann –
fällt ein Lichtstrahl schräg auf die Seite,
spiegelt nicht das Fremde,
sondern das Vergessene.
Ein Lächeln,
ein Wort,
ein frühes Bild.
Vielleicht zittert die Hand,
nicht aus Zorn,
sondern aus Erinnerung.
Und das Schweigen,
das er mit dem Finger wegwischte,
antwortet ihm still:
„Du hast einmal gespielt.
Weißt du noch?“