Saisonfruchtmelancholie

Es gibt Früchte, die man nur deshalb liebt, weil man weiß, dass sie verschwinden werden.

Die Kirsche zum Beispiel besitzt nicht die plumpe Zuverlässigkeit des Apfels. Sie verspricht nichts. Sie erscheint irgendwann im Juni bei Lidl, erst etwas zu teuer, dann plötzlich überall, dunkelrot in ihren durchsichtigen Schalen, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass sie wieder da ist, werden die Schalen kleiner, die Früchte weicher, und eines Tages liegt an ihrer Stelle etwas anderes.

Vielleicht liegt darin überhaupt das Geheimnis aller Zärtlichkeit: dass sie uns nicht genügend Zeit lässt, ihrer überdrüssig zu werden.

Von unserem Garten sind es vielleicht hundertfünfzig Meter bis zu Lidl. Man geht die Röhrenstraße entlang, am Eltern-Kind-Zentrum und am Hort vorbei, dann über den Parkplatz. Es ist kein Weg, den man sich merken müsste. Man geht ihn einfach. So oft, dass er irgendwann nicht mehr aus einzelnen Häusern, Bordsteinen und Bäumen besteht, sondern nur noch aus der Gewissheit, gleich da zu sein.

Im Sommer kaufe ich dort Kirschen.

Zu Hause kommen sie in eine Schale auf der Arbeitsplatte.

Vom Küchenfenster sieht man nach Norden. Dort beginnt die Parforceheide und geht, ohne dass man sagen könnte, an welcher Stelle genau, in die Wälder der Wannseeinsel über. Zwischen all dem Grün steht der West-Berliner Fernsehturm. Er wirkt aus dieser Entfernung beinahe unwirklich, als hätte jemand ihn nachträglich in die Landschaft gesetzt: ein dünnes, technisches Ding mitten zwischen Bäumen, die dort schon standen, bevor irgendjemand wusste, was ein Funkturm ist.

Die Kirschen stehen darunter.

Natürlich nicht wirklich.

Aber wenn ich zum Küchenfenster hinübersehe, liegen sie unten auf der Arbeitsplatte, und dahinter ist dieser Wald, und manchmal denke ich, dass dies genügt, um einen Sommer festzuhalten.

Neo isst gern Kirschen.

Er kann sie noch nicht einfach nehmen und essen. Der Stein muss heraus.

Also kommt er mit einer zu mir und hält sie mir hin.

Ich habe dafür eine Methode entwickelt, die vermutlich kein Erziehungsratgeber empfiehlt. Ich nehme die Kirsche in den Mund, beiße die eine Hälfte mitsamt dem Stein ab und gebe ihm die andere. So bekommt er seine kernlose Hälfte und ich meine.

Es ist ein kleiner Vorgang.

Er wiederholt sich.

Neo bringt eine Kirsche.

Ich beiße hinein.

Er bekommt die Hälfte.

Dann verschwindet er wieder.

Manchmal kommt er nach wenigen Sekunden mit der nächsten zurück.

Ich weiß nicht, wie viele Kirschen wir auf diese Weise in diesem Sommer geteilt haben. Wahrscheinlich nicht besonders viele. Die Dinge, von denen man später meint, sie hätten ein ganzes Zeitalter ausgefüllt, dauern in Wahrheit oft nur wenige Minuten am Tag.

Vom offenen Fenster hört man den Fußballplatz.

Rufe, einen Pfiff, manchmal das dumpfe Geräusch eines Balles, das sich nicht lokalisieren lässt. Abends riecht es gelegentlich nach Gartenfeuer.

Unser Garten liegt nur ungefähr zweihundert Meter von unserem Hochhaus entfernt. Von den Fenstern auf der Westseite kann man hinübersehen. Irgendwo dort unten, zwischen all dem anderen Grün, liegt dieses kleine Stück Erde, um das wir uns kümmern, als wäre es sehr wichtig.

Man kann erstaunlich viele Dinge gleichzeitig für wichtig halten.

Dass die Tomaten genug Wasser bekommen.

Dass Neo keinen Kirschstein verschluckt.

Dass Alva schläft.

Dass noch No Milk für den Kaffee da ist.

Dass jemand die Wäsche aus der Maschine nimmt.

Dass man am Abend rechtzeitig ans Fenster geht.

Denn auf der anderen Seite des Hauses, nach Westen, geht im Sommer die Sonne über Potsdam unter.

Hier oben dauert das lange.

Sie verschwindet nicht einfach. Sie zieht sich zurück.

Zuerst werden die Häuser heller, als käme das Licht plötzlich von unten. Dann liegen die Dächer in einem Gelb, das nur wenige Minuten existiert. Weiter hinten verliert die Stadt ihre Einzelheiten. Die Bäume werden dunkel.

Der Himmel dagegen weigert sich noch lange, Nacht zu werden.

Manchmal zieht die Dämmerung bis in den Norden hinein.

Man sieht nach Westen, wo die Sonne verschwunden ist, und später nach Norden. Dort steht noch dieses späte Licht über dem Wald. Als hätte der Tag seine Sachen bereits gepackt, wäre aber noch einmal durch die Wohnung gegangen, um nachzusehen, ob er etwas vergessen hat.

Wir haben zwei kleine Kinder.

Früher war ein Sommer ein Sommer. Wenn er vorbei war, kam im nächsten Jahr ein neuer.

Das stimmt natürlich noch immer.

Und stimmt überhaupt nicht mehr.

Denn der nächste Sommer wird nicht dieser sein.

Alva wird größer sein.

Neo wird Sätze sagen, die er heute noch nicht sagen kann. Er wird irgendwann keine Kirsche mehr zu mir bringen, damit ich sie für ihn mit den Zähnen entsteine. Wahrscheinlich wird er eines Tages selbst darüber lachen, dass ich das gemacht habe.

Vielleicht wird er sich nicht einmal daran erinnern.

Das ist das Sonderbare an der Kindheit: Diejenigen, für die sie geschieht, vergessen den größten Teil davon. Und diejenigen, die sich erinnern, müssen zusehen, wie sie verschwindet.

Im Juli werden die Kirschen billiger.

Dann sind sie am besten.

Dunkel, fest, süß genug, dass man nach der ersten sofort eine zweite nimmt. Für einige Wochen scheint ihre Anwesenheit selbstverständlich. Man geht zu Lidl und dort sind sie. Man kommt nach Hause und schüttet sie in die Schale. Neo kommt und verlangt eine.

Noch eine.

Noch eine.

Und weil Wiederholung eine der überzeugendsten Formen von Ewigkeit ist, glaubt man irgendwann, es werde nun immer so sein.

Dann wird es August.

Die Kirschen sind noch da, aber man beginnt, sie anzusehen.

Man prüft die Schalen genauer.

Man nimmt die dunkleren.

Man denkt beim Einkaufen zum ersten Mal: Vielleicht sind das schon die letzten guten.

Von diesem Augenblick an schmecken sie anders.

Nicht schlechter.

Im Gegenteil.

Es werden andere Früchte kommen. Pflaumen. Weintrauben. Äpfel sowieso.

Ich habe nichts gegen sie.

Aber ich nehme ihnen übel, dass sie ihren Platz so selbstverständlich einnehmen.

Die Jahreszeit kennt keine Pietät.

Auch die Kinder kennen keine.

Alva wird sitzen, stehen, laufen, sprechen. Kleider werden zu klein sein. Wörter, die heute noch eigentümlich klingen, wird Neo plötzlich richtig aussprechen, und man wird sich zuerst freuen und erst später merken, dass mit jeder Korrektur auch etwas verloren gegangen ist.

Vielleicht ist das gut so.

Sonst würden wir niemanden groß werden lassen.

Heute standen wieder Kirschen auf der Arbeitsplatte.

Neo nahm eine und brachte sie mir.

Ich nahm sie in den Mund und biss die Hälfte ab.

Den Stein behielt ich, seine Hälfte gab ich ihm.

Er nahm sie und ging davon.

Es geschah nichts weiter.

Draußen stand die Parforceheide dunkelgrün hinter den Häusern. Der Fernsehturm war zu sehen. Vom Fußballplatz kamen Stimmen herüber. Irgendwo roch es nach Feuer.

Später ging ich auf die Westseite.

Über Potsdam lag noch Licht.

Die Sonne selbst war schon fort, aber ihre Helligkeit stand über der Stadt und zog sich bis in den Norden. Unten lag irgendwo unser Garten. Von hier oben sah ich hinüber, konnte aber nicht erkennen, was dort gerade wuchs.

Es genügt manchmal zu wissen, dass es da ist.

Der Garten.

Die Kinder.

Die Kirschen in der Schale.

Dieser Abend.

Man meint immer, Melancholie beginne erst, wenn etwas vorbei ist.

Das stimmt nicht.

Ihre reinste Form entsteht früher.

In jenem Augenblick, in dem alles noch da ist.

Wenn Neo mir seine Kirsche reicht.

Wenn Alva noch klein ist.

Wenn draußen noch Sommer ist.

Wenn über Potsdam die Dämmerung nicht enden will.

Und plötzlich, mitten darin, versteht man:

Eines Tages werden keine mehr da sein.