Eine Abhandlung zur Fraktalität der Wirklichkeit
Es gibt Gedanken, die sich nicht denken lassen, ohne dass sie dadurch bereits verändert würden. Sie gleichen jenen Tieren der Tiefsee, welche, ans Licht gebracht, ihre Gestalt verlieren, weil sie nur unter einem Drucke zu bestehen vermögen, den wir an der Oberfläche nicht aufrechterhalten können. Was wir von ihnen erblicken, ist nicht das Wesen, sondern dessen Zusammenbruch.
Vielleicht verhält es sich mit der Wirklichkeit ebenso.
Wir heben sie in das Licht der Sprache, und indem wir sie sichtbar machen, zerstören wir ihre ursprüngliche Form. Was wir dann Wirklichkeit nennen, ist bereits die Leiche dessen, was gewesen ist, ehe wir es benannten.
Doch könnten wir schweigen, so wäre uns damit nicht geholfen. Denn auch das Schweigen des Menschen ist nicht sprachlos. Es ist angefüllt mit verweigerten Worten, mit unterdrückten Namen, mit Sätzen, die ihre Richtung verloren haben und nun, wie Blinde in einem verschlossenen Hause, an die Wände des Bewusstseins stoßen.
Der Mensch kann der Sprache nicht entrinnen. Er kann nur versuchen, tiefer in sie einzudringen.
Dort aber wird er, wenn er lange genug geht, an eine Stelle gelangen, an welcher die Sprache sich verengt. Alles Vielfältige, alles Sichtbare und Geschiedene muss durch diese Verengung hindurch. Die Dinge verlieren darin ihre Ausdehnung, ihre Farbe, ihre unzähligen Beziehungen. Sie werden zu Namen, zu Begriffen, zu Zeichen. Das Ganze wird durch einen winzigen Durchlass gezwängt, damit es im menschlichen Geiste erscheinen kann.
Diese Verengung ist das Nadelöhr der Sprache.
Und niemand weiß, was jenseits davon zurückbleibt.
I. Das Nadelöhr
Die Alten glaubten, die Namen der Dinge seien den Dingen selbst verwandt. Wer den wahren Namen eines Wesens kenne, habe Macht über dieses Wesen. Später lächelte man darüber, weil man den Namen für eine zufällige Bezeichnung hielt, für ein Schild, das ebenso gut gegen ein anderes ausgewechselt werden könne.
Aber vielleicht lächelte man zu früh.
Zwar ist das Wort nicht das Ding. Doch ist es auch nicht nichts. Es ist die Stelle, an welcher das Ding in uns eintritt.
Ein Baum, den wir erblicken, ist zunächst nichts als eine unermessliche Menge von Eindrücken. Da sind die Verästelungen, die Bewegungen der Blätter, das Spiel des Lichtes, die Narben der Rinde, der Geruch des Holzes, die Feuchtigkeit des Bodens, die unsichtbare Tätigkeit der Wurzeln, das Gewicht der Krone, die Vögel, welche darin nisten, die Insekten, welche ihn verzehren, die Jahre, die in ihm aufgestiegen sind, und jene Jahre, die ihm noch bevorstehen.
All dies sagen wir mit einem einzigen Worte: Baum.
Das Wort ist ungeheuer klein im Verhältnis zu dem, was es umfasst. Es ist wie ein Siegel, unter welchem eine ganze Landschaft verschlossen liegt.
Doch was geschieht in dem Augenblick, in welchem wir den Baum benennen?
Wir erkennen ihn wieder. Wir ordnen ihn ein. Wir wissen, dass er nicht Tier, nicht Stein und nicht Wolke ist. Zugleich aber hören wir auf, ihn vollständig zu sehen. Der Name, der uns den Zugang eröffnet, verschließt hinter uns die Tür.
Denn sobald wir gesagt haben: Dies ist ein Baum, glauben wir zu wissen, was vor uns steht.
Die Sprache schenkt uns die Welt, indem sie sie verkleinert.
Vielleicht ist dies unvermeidlich. Kein menschlicher Geist könnte die Gesamtheit eines einzigen Gegenstandes aufnehmen. Schon ein Kieselstein würde ihn überfordern, wollte er dessen sämtliche Eigenschaften, Ursachen und Beziehungen zugleich erfassen. Die Sprache nimmt daher eine Auswahl vor. Sie schneidet aus dem unendlichen Zusammenhang eine Gestalt heraus und sagt: Dieses hier ist eines.
Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Eine möglicherweise nicht.
Der Baum ist nicht ohne den Boden denkbar, der Boden nicht ohne das Wasser, das Wasser nicht ohne die Wolken, die Wolken nicht ohne die Wärme, die Wärme nicht ohne die Sonne. Ebenso ist der Baum nicht ohne seine Herkunft, nicht ohne den Samen, nicht ohne jene früheren Bäume, aus denen dieser Same hervorging.
Das Einzelne ist eine Erfindung des Blickes.
Die Wirklichkeit dagegen kennt vielleicht nur Zusammenhänge.
Was wir Gegenstände nennen, wären dann bloß Knoten in einem Gewebe, Verdichtungen in einem ununterbrochenen Strom. Wir schneiden sie mit den Messern der Begriffe heraus. Wir geben ihnen Grenzen, weil wir selbst Grenzen besitzen.
So entsteht die Welt des Menschen.
Sie ist nicht falsch. Aber sie ist verkürzt.
Das Nadelöhr der Sprache ist daher nicht bloß eine Schwäche. Es ist die Bedingung unserer Erkenntnis. Nur was sich verengen lässt, kann von uns hindurchgetragen werden.
Aber wir sollten niemals vergessen, dass das, was auf unserer Seite des Nadelöhrs ankommt, kleiner ist als das, was auf der anderen Seite eintrat.
II. Vom Verlust des Ganzen
Der Irrtum des Menschen beginnt nicht dort, wo er etwas Falsches sagt. Er beginnt dort, wo er das Gesagte für vollständig hält.
Jedes wahre Wort besitzt einen Schatten von Unwahrheit, weil es ausspricht, was es auswählt, und verschweigt, was es zurücklässt. Sagen wir von einem Menschen, er sei gütig, so haben wir vielleicht recht. Aber wir haben damit weder seine Feigheit noch seinen Stolz, weder seine Müdigkeit noch seine heimliche Grausamkeit aufgehoben. Wir haben nur einen Zug aus dem Gewebe gelöst und über das Ganze gelegt.
Auf diese Weise entstehen jene Gestalten, mit denen wir verkehren.
Wir begegnen nicht den Menschen, sondern unseren Benennungen ihrer Personen. Wir nennen einen den Freund, einen anderen den Feind, einen den Vater, einen die Geliebte, einen den Verräter. Jeder dieser Namen zieht eine Grenze durch eine unermessliche Wirklichkeit.
Aber die Sprache duldet solche Gleichzeitigkeit nur schwer. Sie verlangt nach Subjekt und Prädikat, nach Ursache und Wirkung, nach Vorher und Nachher. Sie reiht aneinander, was in der Wirklichkeit ineinanderliegen könnte.
Wir sagen: Ein Ereignis habe ein anderes verursacht.
Doch möglicherweise sind Ursache und Wirkung nur die beiden sichtbaren Enden eines unsichtbaren Gebildes.
Eine Eichel fällt nicht deshalb zu Boden, weil der Wind sie löste, oder weil der Stiel vertrocknete, oder weil die Schwere sie zog. Sie fällt aus allen diesen Gründen und aus unzähligen weiteren.
Die Ursache eines Ereignisses ist die Welt.
Wir aber wählen aus der Welt einen einzigen Umstand und nennen ihn Grund.
Dies ist notwendig, damit wir handeln können. Aber es ist gefährlich, sobald wir aus der Notwendigkeit eine Wahrheit machen.
Denn die Wirklichkeit ist niemals so einfach wie der Satz, in den wir sie einschließen.
III. Der Mutterbaum
Man stelle sich einen Baum vor, der so groß wäre, dass wir ihn nicht als Baum erkennen könnten.
Seine Wurzeln lägen unter den Gebirgen. Seine Äste reichten durch die Jahrtausende. Was wir für einzelne Bäume hielten, wären nur seine äußersten Verzweigungen. Was wir Wälder nannten, wären Knospen an einem einzigen Zweige. Ganze Arten wären Blätter, ganze Völker Blütenstände, einzelne Menschen kaum sichtbare Zellen in einem Gewebe, dessen Gesamtgestalt sich unserem Blick entzöge.
Ein solcher Baum wäre weder Pflanze noch Gleichnis. Er wäre eine Form, in der sich die Wirklichkeit selbst denken ließe.
Nennen wir ihn den Mutterbaum.
Der Mutterbaum ist nicht ein erstes Ding unter anderen Dingen. Er ist die Weise, in welcher alles aus allem hervorgeht. Er steht nicht am Anfang der Zeit, denn auch die Zeit ist einer seiner Äste. Er befindet sich an keinem Orte, denn die Orte sind Öffnungen in seiner Krone.
Was wir Geburt nennen, ist das Sichtbarwerden eines neuen Triebes. Was wir Tod nennen, ist sein Zurücksinken in das Holz.
Keine Gestalt wiederholt sich vollkommen. Dennoch trägt jede neue Gestalt die früheren in sich. Das Kind gleicht dem Vater, ohne der Vater zu sein. Der Gedanke ähnelt einem älteren Gedanken, ohne ihn bloß zu wiederholen. Ein Reich entsteht nach dem Muster eines untergegangenen Reiches und hält sich dennoch für neu.
Die Wirklichkeit schreitet nicht in gerader Linie fort. Sie treibt aus.
Jeder Zweig wiederholt den Bau des größeren Zweiges. Jede kleine Verästelung ähnelt der ganzen Krone. Die Form erscheint in der Form, das Große im Kleinen, das Vergangene im Künftigen.
Wir könnten diese Eigenschaft die Fraktalität der Wirklichkeit nennen.
Doch wäre auch dieser Ausdruck nur ein Wort, welches durch das Nadelöhr gegangen ist.
IV. Von den Sprösslingen
Die Sprösslinge des Mutterbaumes sind die einzelnen Erscheinungen.
Ein Mensch ist ein solcher Sprössling. Ein Gedanke ebenfalls. Ein Haus, eine Stadt, eine Liebe, ein Krieg, ein Stern und vielleicht auch ein Gott.
Jeder Sprössling trägt die Form des Ganzen in einer begrenzten Weise in sich. Er ist nicht das Ganze, aber das Ganze wiederholt sich in ihm.
Betrachten wir den menschlichen Körper. Das Blut verzweigt sich in Adern wie ein Stromsystem, die Lunge wie eine umgekehrte Baumkrone, die Nerven wie Wurzeln in einem unsichtbaren Erdreich. Der Körper enthält nicht zufällig Bilder der Landschaft. Er ist Landschaft.
Ebenso wiederholt sich der Mensch in jedem seiner Gedanken.
Denn auch ein Gedanke wird geboren. Er besitzt eine Herkunft, die er gewöhnlich verschweigt. Er sucht Nahrung, verbindet sich mit verwandten Gedanken, wehrt fremde Einflüsse ab und versucht, sich fortzupflanzen. Manche Gedanken leben nur einen Augenblick. Andere durchwandern Jahrhunderte und wechseln dabei ihre Namen.
Der Mensch glaubt, Gedanken zu besitzen.
Häufiger besitzen die Gedanken den Menschen.
Sie bedienen sich seiner Sprache, seiner Hände und seiner Taten, um in die Welt zu gelangen. Ganze Völker können zu Trägern eines einzigen Gedankens werden, wie ein Baum von einem Pilz durchzogen wird, dessen Geflecht unsichtbar bleibt, während seine Früchte aus der Rinde treten.
So trägt jeder Sprössling wiederum neue Sprösslinge.
Der Mensch stammt aus dem Mutterbaum und wird selbst zum Mutterbaum seiner Handlungen. Jede Handlung treibt Folgen, jede Folge weitere Folgen. Ein beiläufig gesprochenes Wort kann nach Jahrzehnten in einem fremden Leben zur Tat werden. Ein Blick kann einen Entschluss erzeugen, dessen Wirkungen Kontinente erreichen. Nichts bleibt auf die Gestalt beschränkt, in der es hervortrat.
Daher weiß keiner, wo er endet.
V. Das Gesetz der Wiederkehr der Formen
Die Fraktalität der Wirklichkeit bedeutet nicht, dass alles gleich sei.
Ein Zweig ist kein Baum. Eine Familie ist kein Reich. Ein menschliches Herz ist keine Stadt. Aber in ihnen wirkt eine verwandte Ordnung.
Die Wiederholung ist niemals eine Abschrift. Sie ist eine Verwandlung.
Das Meer wiederholt sich in der Welle, aber keine Welle enthält das Meer. Der Himmel spiegelt sich in einer Pfütze, doch wird er dadurch nicht klein. Ein Kind wiederholt die Züge seiner Vorfahren, aber in dieser Wiederholung erscheint etwas, das niemals zuvor gewesen ist.
Die Wirklichkeit ist treu, indem sie sich verändert.
Vielleicht ist dies das Gesetz, welches hinter den sichtbaren Gesetzen liegt: dass jede Form bestrebt ist, sich in anderen Maßstäben wieder hervorzubringen.
Das Kleine erzeugt das Große, und das Große kehrt in das Kleine zurück.
Der Baum wächst aus dem Samen.
Später bringt er Samen hervor.
VI. Die Sprache als Zweig
Wenn die Wirklichkeit einem Mutterbaum gleicht, dann ist auch die Sprache einer ihrer Zweige.
Sie steht der Welt nicht gegenüber. Sie ist aus ihr hervorgegangen. Die Zunge, der Atem, das Ohr, das Gedächtnis, die Gemeinschaft der Sprechenden – all dies sind Erscheinungen der Natur. Wenn der Mensch spricht, spricht daher die Wirklichkeit in einer ihrer eigenen Hervorbringungen über sich selbst.
Dies ist der Ursprung der merkwürdigen Macht der Sprache.
Sie ist zugleich Teil und Spiegel des Ganzen.
Aber ein Spiegel kann nur zeigen, was seiner Fläche zugewandt ist. Er zeigt nicht, was hinter ihm liegt, und er verwechselt leicht das Bild mit dem Gegenstand.
Jedes Wort besitzt deshalb zwei Bewegungen.
Die erste führt zur Welt. Das Wort weist auf etwas hin. Es sammelt Erfahrungen, ruft Bilder hervor und macht Verständigung möglich.
Die zweite führt von der Welt fort. Das Wort legt sich über das Bezeichnete, wird selbständig und beginnt, an dessen Stelle zu treten.
Wir sagen Freiheit und sehen nicht mehr die zahllosen verschiedenen Freiheiten. Wir sagen Gerechtigkeit und bemerken nicht, dass jeder darunter etwas anderes versteht. Wir sagen Volk, Liebe, Wahrheit oder Gott und halten die Erregung, die diese Worte in uns auslösen, für eine Erkenntnis ihres Gegenstandes.
Je größer ein Wort ist, desto weniger lässt sich überprüfen, was es enthält.
Vielleicht ist die Sprache selbst fraktal.
Jedes Wort enthält andere Worte. Jede Bedeutung verzweigt sich in Erinnerungen, Bilder, Erfahrungen und frühere Verwendungen. In einem einzigen Namen kann die Geschichte eines ganzen Lebens liegen. In einem Satz können Jahrtausende grammatischer Ordnung fortbestehen.
Sprechen wir, so sprechen die Toten mit.
Nicht nur jene, deren Worte wir wiederholen. Auch jene, die die Formen geschaffen haben, in welchen wir überhaupt denken können.
Der Mensch ist daher niemals der alleinige Urheber seines Satzes.
Er ist der Ort, an dem der Satz erneut austreibt.
VII. Die Namen und die Dinge
Es gibt Augenblicke, in denen der Name eines Menschen sich von ihm löst.
Man hört ihn aus einem fremden Munde und erkennt ihn kaum wieder. Man sieht ihn auf einem Briefe, in einer Liste oder auf einem Grabstein, und plötzlich erscheint es unbegreiflich, dass diese wenigen Laute das eigene Leben bezeichnen sollen.
Der Name bleibt derselbe, während der Mensch sich unaufhörlich verändert.
Das Kind, der Jüngling, der Mann und der Greis werden mit demselben Namen gerufen. Dadurch entsteht der Eindruck, sie seien ein einziges Wesen. Aber vielleicht sind sie nur verschiedene Sprösslinge an einem gemeinsamen Zweige.
Vielleicht ist die Identität keine inhaltliche Gleichheit. Vielleicht ist sie eine Form der Fortsetzung.
Ein Fluss besteht in keinem Augenblick aus demselben Wasser. Dennoch besitzt er einen Namen, ein Bett und eine Richtung. So könnte auch der Mensch eine Strömung sein, die sich für ein Ding hält.
Die Sprache unterstützt diese Täuschung. Sie gibt dem Wandel einen festen Namen und macht aus der Folge von Zuständen eine Person.
Aber diese Täuschung ist nicht bloß falsch.
Denn die Form der Fortsetzung ist wirklich. Der Greis ist nicht mehr das Kind, aber das Kind wirkt in ihm fort. Seine Ängste, seine frühen Entschlüsse, seine verlorenen Hoffnungen haben sich verzweigt und bilden den unsichtbaren Stamm seines gegenwärtigen Wesens.
Der Name bezeichnet daher vielleicht nicht eine unveränderliche Substanz, sondern einen Zusammenhang.
Er ist der Ring um ein Bündel von Zeiten.
VIII. Der Mensch im Geäst
Der Mensch sieht sich gern als Krone der Schöpfung. Vielleicht ist er nur die Stelle, an welcher der Baum von sich selbst zu wissen beginnt.
Dies wäre groß genug.
Bewusstsein könnte bedeuten, dass ein Sprössling die Ahnung des Mutterbaumes empfängt. Er erkennt sich als einzelnes Wesen und spürt zugleich, dass er nicht in sich selbst begründet ist. Aus diesem Widerspruch entstehen seine Religionen, seine Philosophien und seine Verzweiflung.
Er ist abgesondert und nicht abgesondert.
Sein Körper besteht aus Stoffen, die vor ihm gewesen sind und nach ihm weiterbestehen werden. Seine Sprache stammt von anderen. Seine Gedanken wachsen aus Voraussetzungen, die er nicht geschaffen hat. Selbst sein persönlichstes Gefühl bedient sich Formen, die Millionen vor ihm durchlaufen haben.
Und dennoch ist er nicht austauschbar.
Denn der Mutterbaum bringt keine vollkommen gleichen Blätter hervor. Jede Stelle des Geästs besitzt ihre eigene Lage zum Licht. Jeder Mensch ist eine Perspektive, die nur einmal existiert.
Vielleicht liegt darin seine Würde.
Nicht darin, dass er vom Ganzen unabhängig wäre, sondern darin, dass das Ganze nur durch ihn auf genau diese Weise sichtbar wird.
Wenn ein Mensch stirbt, erlischt daher nicht bloß ein einzelnes Bewusstsein. Eine Aussicht auf die Welt schließt sich für immer.
Andere können an derselben Stelle stehen, dieselben Dinge betrachten und dieselben Worte gebrauchen. Aber sie werden niemals genau das sehen, was der Verstorbene sah. Denn jedes Sehen trägt die ganze Geschichte des Sehenden in sich.
IX. Die Verwechslung des Astes mit dem Baum
Alle menschlichen Ordnungen neigen dazu, sich für das Ganze zu halten.
Eine Religion glaubt, sie umfasse Gott. Ein Staat glaubt, er umfasse das Volk. Eine Wissenschaft glaubt, ihre Methode umfasse die Wirklichkeit. Ein Mensch glaubt, seine gegenwärtige Überzeugung umfasse ihn selbst.
Dies ist die Verwechslung des Astes mit dem Baum.
Der Ast ist wirklich. Er besitzt seine Form, seine Aufgabe und seine Richtung. Aber sobald er vergisst, dass er getragen wird, beginnt er zu verdorren.
Vielleicht entstehen alle Verhärtungen aus einem abgebrochenen Zusammenhang.
Der Fanatiker ist nicht notwendig jener, der zu viel glaubt. Er ist jener, dessen Glaube keine Äste mehr duldet. Er möchte den Baum auf einen einzigen Zweig reduzieren.
Aber das Leben lässt sich nicht endgültig beschneiden.
Unter der Schnittstelle entstehen neue Triebe. Unterdrückte Formen kehren verwandelt zurück. Ein Gedanke, den man verbietet, dringt in Gleichnisse ein. Eine Erinnerung, die man auslöscht, erscheint als Krankheit. Eine Wahrheit, für die es kein Wort geben darf, verändert den Ton aller erlaubten Worte.
Der Mutterbaum vergisst nichts.
Er wiederholt das Verdrängte in einer anderen Größe.
Darum gleichen späte Katastrophen häufig früheren, unbeachteten Vorgängen. Was im Kleinen nicht erkannt wurde, kehrt im Großen wieder. Eine geduldete Lüge wird zur Institution. Eine Institution wird zum Staat. Der Staat macht aus der Lüge ein Gesetz und wundert sich, wenn die Wirklichkeit sich schließlich gegen ihn erhebt.
Nicht die Wahrheit ist rachsüchtig.
Die Form ist es.
X. Vom Zufall
Der Zufall gilt als das, was ohne Zusammenhang geschieht.
Doch dies könnte lediglich bedeuten, dass der Zusammenhang zu groß ist, um durch das Nadelöhr unserer Erkenntnis zu gelangen.
Ein Blatt fällt in dem Augenblick vor einen Wanderer, in welchem dieser an einen Verstorbenen denkt. Ein Name taucht an zwei voneinander entfernten Orten auf. Eine Begegnung, die unmöglich schien, verändert ein Leben.
Man kann all dies Zufall nennen.
Damit ist jedoch nichts erklärt. Man hat dem Unerklärten nur einen Namen gegeben.
Ebenso voreilig wäre es, jedes Zusammentreffen als Botschaft aufzufassen. Der Mensch neigt dazu, sich selbst in die Mitte der Welt zu stellen und jeden Vogelzug für ein Zeichen seiner persönlichen Geschichte zu halten.
Vielleicht liegt die Wahrheit zwischen Bedeutungslosigkeit und Botschaft.
Im fraktalen Gefüge der Wirklichkeit können verwandte Formen an verschiedenen Stellen zugleich auftreten, ohne einander unmittelbar verursacht zu haben. Sie stammen aus demselben verborgenen Muster.
Zwei Blätter an entfernten Ästen ähneln einander nicht, weil eines das andere nachahmt, sondern weil beide aus demselben Baugesetz hervorgegangen sind.
So könnten auch Ereignisse einander entsprechen.
Der Zufall wäre dann keine Mitteilung einer äußeren Macht. Er wäre eine Sichtbarwerdung der inneren Verwandtschaft der Dinge.
Wir erkennen für einen Augenblick, dass die Welt an verschiedenen Stellen denselben Gedanken denkt.
Doch dürfen wir auch hier das Bild nicht mit dem Ganzen verwechseln. Nicht jede Ähnlichkeit ist bedeutend, und nicht jede Bedeutung richtet sich an uns.
Manchmal fällt das Blatt nur, weil es Herbst ist.
Aber auch der Herbst gehört zum Baum.
XI. Erinnerung und Vorahnung
Die Erinnerung scheint rückwärts, die Vorahnung vorwärts gerichtet zu sein. Vielleicht sind beide nur verschiedene Wahrnehmungen desselben Geästs.
Wir erleben die Zeit als Linie, weil die Sprache Sätze bildet. Ein Wort folgt dem anderen. Was gesprochen wurde, liegt zurück; was noch nicht gesprochen ist, liegt voraus.
Doch der Baum wächst nicht wie ein Satz.
In ihm bestehen ältere und jüngere Teile gleichzeitig. Der Stamm trägt die Jahresringe der Vergangenheit, während an seinen Spitzen die Zukunft hervorbricht. Beides gehört zu derselben Gestalt.
Wenn die Wirklichkeit ähnlich beschaffen wäre, könnte das Vergangene fortbestehen, ohne bloß Erinnerung zu sein, und das Künftige bereits als Form anwesend sein, ohne schon Ereignis geworden zu sein.
Die Vorahnung wäre dann kein Blick in eine fertige Zukunft. Sie wäre das Spüren einer Richtung, die im gegenwärtigen Gefüge bereits angelegt ist.
Der erfahrene Gärtner erkennt an einer Knospe, welche Blüte aus ihr hervorgehen wird. Er sieht nicht die Zukunft. Er liest die Form.
Vielleicht tut der Mensch in seinen seltenen Augenblicken der Ahnung etwas Ähnliches.
Er liest, ohne zu wissen, dass er liest.
Später, wenn das Ereignis eingetreten ist, erinnert er sich an ein Gefühl, einen Traum oder einen scheinbar bedeutungslosen Gedanken. Doch häufig ordnet die Erinnerung das Frühere erst nachträglich. Sie beschneidet den alten Zweig so, dass er auf die Gegenwart zu weisen scheint.
Darum bleibt jede Vorahnung zweifelhaft.
Aber der Zweifel beweist nicht, dass es keine tiefere Zeitordnung gibt. Er beweist nur, dass auch die Zeit durch das Nadelöhr der Sprache gehen muss.
XII. Das Böse als abgetrennter Zweig
Wenn alles aus einem Mutterbaum hervorgeht, könnte man fragen, wie das Böse möglich sei.
Die einfachste Antwort wäre, es zu leugnen und alles Geschehende für notwendig zu erklären. Doch dies wäre eine Grausamkeit der Philosophie gegenüber den Leidenden.
Das Böse ist wirklich, weil der Schmerz wirklich ist.
Aber vielleicht besteht sein Wesen weniger in einer fremden Macht als in der Abtrennung.
Ein Zweig, der nur noch sich selbst gelten lässt, entzieht anderen das Licht. Eine Zelle, die den Zusammenhang des Körpers vergisst und nur noch ihr eigenes Wachstum verfolgt, wird zur Krankheit. Ein Mensch, der alle anderen Wesen bloß als Mittel seines Willens betrachtet, wiederholt dieselbe Form.
Das Böse wäre demnach nicht das Gegenteil des Lebens.
Es wäre Leben, das seine Zugehörigkeit vergessen hat.
Gerade deshalb besitzt es Kraft. Es verwendet die Energien des Ganzen gegen das Ganze. Es ist kein Nichts, sondern ein verengtes Etwas.
Vielleicht stammt auch das Böse aus einem Nadelöhr. Der Mensch verengt die Wirklichkeit auf seinen Vorteil, seine Angst, seine Kränkung oder seine Idee. Alles, was nicht hindurchpasst, erklärt er für unwirklich oder wertlos.
Der andere Mensch wird zum Feind.
Das Tier wird zur Ware.
Die Landschaft wird zum Besitz.
Die Wahrheit wird zum Werkzeug.
So beginnt die Zerstörung nicht mit Hass, sondern mit einer fehlerhaften Verkleinerung der Welt.
Wer heilen wollte, müsste daher nicht bloß das Verhalten ändern. Er müsste den Zusammenhang wieder sichtbar machen.
Aber kein Zusammenhang lässt sich befehlen.
Man kann einen abgebrochenen Ast anbinden. Ob er wieder anwächst, entscheidet das Leben.
XIII. Liebe
Die Liebe ist vielleicht der Augenblick, in welchem ein Sprössling sich an den Mutterbaum erinnert.
Sie hebt die Trennung nicht auf. Der Liebende bleibt ein einzelnes Wesen, und gerade darum kann er lieben. Wäre er mit dem Geliebten vollkommen eins, gäbe es weder Nähe noch Entfernung, weder Sehnsucht noch Hingabe.
Liebe ist nicht Verschmelzung.
Sie ist die Erfahrung, dass die Grenze wirklich und dennoch nicht endgültig ist.
Darum verlangt wahre Liebe nicht, den anderen vollständig zu besitzen oder zu verstehen. Besitz und Verständnis wären nur neue Verengungen. Der Liebende erkennt vielmehr, dass im anderen eine Wirklichkeit besteht, die niemals ganz durch das Nadelöhr seiner Begriffe gelangen wird.
Er sagt: Ich kenne dich.
Und wenn er weise ist, weiß er zugleich, dass dieser Satz nicht wahr sein kann.
Vielleicht beginnt die tiefere Liebe erst dort, wo der Anspruch auf vollständige Kenntnis endet.
Dann wird der andere nicht zum Gegenstand eines Bildes, sondern zum Geheimnis. Nicht zu einem Geheimnis, das gelöst werden müsste, sondern zu einem, dessen Unauflöslichkeit selbst die Verbindung trägt.
Wie zwei Äste desselben Baumes können Liebende weit voneinander entfernt erscheinen und dennoch aus einem gemeinsamen Dunkel gespeist werden.
Sie berühren einander nicht nur dort, wo ihre Hände sich finden.
Sie berühren einander in der Wurzel.
XIV. Die Rückkehr zum Stamm
Der Mensch sucht sein Leben lang nach einem festen Mittelpunkt.
Er sucht ihn im Besitz, in der Herkunft, in der Liebe, im Ruhm, im Glauben oder in der Erkenntnis. Doch jeder Mittelpunkt, den er findet, erweist sich als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Dies ist keine Niederlage.
Vielleicht besteht Reife gerade darin, den Mittelpunkt nicht mehr mit einem Orte zu verwechseln.
Der Stamm des Mutterbaumes befindet sich nicht hinter uns wie eine verlorene Heimat. Er ist in jedem Zweige gegenwärtig. Wir können nicht zu ihm zurückkehren, weil wir ihn niemals verlassen haben.
Nur unser Bewusstsein hat sich entfernt.
Es hat sich an die äußersten Spitzen begeben, wo jedes Blatt für sich im Lichte steht und den dunklen Zusammenhang des Holzes nicht mehr sieht. Dort glaubt es, allein zu sein.
Manchmal jedoch geschieht etwas, das diese Täuschung unterbricht.
Für einen Augenblick fällt die gewohnte Ordnung der Begriffe auseinander. Die Dinge stehen nicht länger nebeneinander. Sie scheinen ineinander überzugehen.
Der Mensch empfindet dann, dass sein Leben nicht ihm allein gehört.
Der Sprössling spürt den Stamm.
XV. Von der Bescheidenheit der Erkenntnis
Wenn unsere Gedanken Sprösslinge sind, können sie niemals den ganzen Mutterbaum umfassen.
Auch die vorliegende Abhandlung bildet keine Ausnahme.
Sie verwendet Bilder, um etwas sichtbar zu machen, das vielleicht keine bildhafte Gestalt besitzt. Sie spricht vom Baume, von Wurzeln, Zweigen und Sprösslingen. Aber die Wirklichkeit ist kein Baum.
Oder sie ist ein Baum auf eine Weise, die kein Botaniker erkennen könnte.
Das Bild darf nicht zum Dogma werden. Sonst wiederholt es jene Verwechslung, vor der es warnen wollte.
Der Wert eines Gedankens liegt nicht immer darin, dass er wahr ist wie eine gemessene Länge. Manche Gedanken sind wahr wie Wege. Sie sind nicht das Ziel, aber sie führen an eine Stelle, von der aus etwas sichtbar wird.
Vielleicht soll eine Philosophie nicht die Welt erklären.
Vielleicht soll sie den Blick verändern, mit dem wir der unerklärten Welt begegnen.
Wer die Fraktalität der Wirklichkeit ahnt, wird im Kleinen vorsichtiger handeln. Denn er muss damit rechnen, dass seine geringste Tat eine Form enthält, die sich in größeren Maßstäben wiederholt.
Es gibt möglicherweise keine kleinen Handlungen.
Es gibt nur Handlungen, deren Verzweigungen wir nicht sehen.
XVI. Schluss: Das Wort und der Wald
Am Ende bleibt uns die Sprache.
Wir können nicht hinter sie zurückkehren. Selbst wenn wir ihre Grenzen erkannt haben, müssen wir diese Erkenntnis in Worten aussprechen. Wir gleichen einem Gefangenen, der die Mauern seines Gefängnisses mit Steinen beschreibt, die er aus eben diesen Mauern gelöst hat.
Aber vielleicht ist die Sprache nicht nur Gefängnis.
Vielleicht besitzt auch sie Risse, durch welche der Wald sichtbar wird.
In einem gelungenen Gedicht, in einem unerwarteten Satz, in einem Namen, der nach Jahrzehnten plötzlich seine Tiefe öffnet, geschieht etwas Merkwürdiges: Das Wort scheint nicht mehr bloß zu verkleinern. Es beginnt, auf das hinzuweisen, was es nicht enthalten kann.
Dann wird die Sprache durchsichtig.
Sie erklärt die Wirklichkeit nicht. Sie lässt sie hindurchscheinen.
Vielleicht ist dies ihre höchste Aufgabe: nicht das Ganze durch das Nadelöhr zu zwingen, sondern uns spüren zu lassen, dass jenseits der Öffnung etwas Unermessliches zurückgeblieben ist.
Der Mutterbaum rauscht dort weiter.
Wir sehen seine Krone nicht. Wir kennen weder seine äußersten Zweige noch die Tiefe seiner Wurzeln. Wir wissen nicht, ob er einen Anfang hatte, ob er allein steht oder selbst nur ein Sprössling in einem noch größeren Walde ist.
Doch in uns steigt sein Saft.
In unseren Körpern verzweigt er sich, in unseren Gedanken treibt er aus, in unseren Kindern setzt er seine unbekannte Bewegung fort.
Wir nennen uns einzelne Menschen, weil wir einander in einzelnen Gestalten begegnen. Vielleicht sind wir dennoch Blätter eines einzigen, unsichtbaren Baumes.
Jedes Blatt empfängt das Licht für sich.
Jedes Blatt fällt allein.
Aber keines wächst aus sich selbst.