Liste mit kurzbeinigen Dingen, die mit Sicherheit keine Lüge sind
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Der Dackel namens Heraklit, der täglich um Punkt sieben Uhr früh den Bürgersteig entlang schreitet,
als trüge er die Weltgedanken auf seinem Rücken. Er ist kein Hirngespinst. Er existiert, riecht nach
nassem Laub und trägt ein kariertes Halstuch. Wer ihm begegnet, erkennt ihn sofort: ein Philosoph
auf vier kurzen Beinen. -
Ein Zinnsoldat mit abgesägten Unterschenkeln, der im unteren Fach der alten Kommode liegt,
zwischen verblichenen Postkarten und einer angerissenen Briefmarke aus Bulgarien. Er hat den Krieg
nicht verloren, sondern lediglich das Gleichgewicht. Dennoch: kein Betrug, keine Metapher. Ein ehrlicher
Krieger, seiner Füße beraubt, aber seiner Haltung nicht. -
Die Zuckerdose in Form eines Elefanten, deren Beine von Anfang an viel zu kurz geraten waren,
vermutlich Produktionsfehler oder göttlicher Humor. Sie steht auf dem Küchentisch wie ein Orakel,
und jedes Mal, wenn sie geöffnet wird, regnet es draußen. Das ist kein Zufall, sondern Kausalität
von der sanfteren Sorte. -
Ein windschiefer Schemel im Gartenhaus, der einst ein Teil eines viel größeren Möbels war –
möglicherweise ein Thron für ein Kaninchen. Er trägt Moos an der Unterseite, was seine Wahrhaftigkeit
nur unterstreicht. Niemand hat je versucht, ihn zu verleugnen. -
Der Schatten eines Kükens, der noch immer jeden Abend an die Stallwand fällt, obwohl das Küken
längst ein Huhn ist. Die Beine sind kurz geblieben, der Schatten auch. Man kann ihn vermessen.
Man kann sich darauf verlassen. -
Ein kleiner Gedanke, geformt wie eine Schnecke ohne Haus, der manchmal gegen Mitternacht
durch den Kopf kriecht. Seine Beinchen sind metaphorisch, aber doch erstaunlich kurz. Und trotzdem
kommt er an. Immer. Das ist keine Lüge, sondern ein Versprechen der inneren Uhr. -
Ein Museumswärter in Berlin, der schwört, dass im Depot eine Skulptur eines Gottes mit Kamelbeinen
liegt – kurz, kräftig, staubig. Niemand durfte sie je sehen. Aber der Wärter hat eine Stimme,
der man glauben möchte, und einen Notizblock, auf dem „KEINE LÜGE“ steht, in Frakturschrift. -
Die Erinnerung an eine Schildkröte, die einst in einem Kinderzimmer wohnte und sich gerne hinter
Büchern versteckte, besonders hinter jenen von Jules Verne. Sie war nicht schnell, aber aufrichtig.
Und sie hatte kurze Beine. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Sollte je jemand behaupten, dies seien Erfindungen oder gar Lügen, so möge er selbst eine Liste
aufstellen – und mit Wahrheit füllen. Doch kurzbeiniger wird sie kaum sein.