Es ist ein folgenschwerer Irrtum unserer Zeit, zu glauben, Erziehung sei ein System von Maßnahmen, das auf ein Ziel hin arbeite, als ginge es darum, aus dem Kind ein Werkstück zu formen, das den Erfordernissen der Welt genüge. Als wäre das Kind ein Tonklumpen, die Pädagogik der Daumen des Töpfers, und die Gesellschaft der Ofen, der ihn aushärtet. Nein. Nein! – Das Kind ist kein Gefäß. Das Kind ist ein Quell.
Der Erzieher – ob Vater, Mutter, Lehrender oder bloß Zeuge – steht nicht vor einem zu befüllenden Behältnis, sondern vor einem sich offenbarenden Weltgeheimnis. Jedes Kind ist ein Schöpfer, das heißt: ein Wesen, dem das Urbild der Schöpfung innewohnt, noch unversehrt, noch unbeschnitten von den Ordnungen des Später. Wer ein Kind betrachtet und nicht erschrickt ob der Tiefe, die darin ruht, der hat weder das Kind erkannt noch sich selbst.
Erziehung beginnt mit dem Kniefall. Nicht vor dem Kind als König, sondern vor der Möglichkeit, dass durch dieses Kind etwas in die Welt tritt, das größer ist als wir. Darum ist Pädagogik ein Gottesdienst – ein leiser, oft unbequemer, manchmal unverständlicher, stets heiliger Dienst an jenem Anteil Göttlichkeit, der in jedem Kind verborgen liegt.
Der Erwachsene, wenn er gut ist, dient dem Kind nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen. Er schafft Räume, in denen das Kind sich nicht verliert, sondern erinnert. Denn die eigentliche Bildung ist keine Anhäufung, sondern ein Freilegen. Kein Aneignen, sondern ein Erinnern. Der Pädagoge ist nicht Baumeister, sondern Gärtner. Er weiß: Man kann einen Baum nicht ziehen, aber man kann ihm das Licht nicht verwehren.
Ich behaupte: Wer ein Kind unterrichtet, steht mit einem Bein in der Ewigkeit. Jeder Satz, jede Geste, jedes Schweigen ist Gebet. Denn wir formen nicht bloß Wissen, sondern Wesen. Und wie wir einem Kind begegnen, ist ein Spiegel dessen, wie wir dem Heiligen begegnen würden, wäre es mitten unter uns.
Vielleicht ist es das ja: Dass das Heilige nicht in Kathedralen haust, sondern mit verschmiertem Mund am Frühstückstisch sitzt und fragt, wo die Zeit hingeht, wenn sie vorbei ist.
Wir sollten dann nicht zu schnell antworten. Und wenn wir keine Antwort wissen – umso besser. Dann sollten wir still sein. Und die Zeit betrachten. Zusammen. Solange sie noch da ist. Denn auch das ist Gottesdienst.