Es war stets ein leichter Nebel, der den Dingen vorausging. Kein dichter, keiner, der die Sicht nahm – nur einer, der das Kommende wie ein durchscheinender Schleier ankündigte. Ich erinnere mich, wie ich damals, an einem Dienstag, ohne besonderen Grund innehielt. Eine Falte im Tageslicht, ein kaum merkliches Zittern im Uhrzeigersinn des Vormittags. Nichts Greifbares. Und doch war es da: das Gefühl, dass etwas vorfiel, noch bevor es sich begeben hatte.
Ich begann, Mutmaßungen anzustellen – zunächst über das Wetter, dann über die Laune der Nachbarin, schließlich über die Bewegungen jenes schwarzgrauen Katers, der stets dann auf dem Fensterbrett erschien, wenn in der Stadt eine Wahl bevorstand. Manche Mutmaßung war bloß das Echo eines alten Aberglaubens, andere hingegen so präzise, dass ich mich scheute, sie laut auszusprechen.
So etwa die Überlegung, dass der Schreibtisch meines verstorbenen Onkels einen zweiten Boden haben müsse – was sich, nach jahrelangem Zögern, als richtig erwies. Darin verborgen: zwei Briefe, eine unfrankierte Karte aus Triest und ein winziges, eingewickeltes Medaillon mit dem Bild einer Frau, die nie jemand von uns gekannt zu haben vorgab, das nach Tabak und einem Hauch von Lavendel roch.
Es war diese Entdeckung, die mich lehrte, das Mutmaßen nicht zu belächeln. Sie sind keine Irrtümer im Voraus, sondern ein ahnungsvolles Tasten nach der Struktur der Welt. Ein Fühlen durch den Vorhang, ehe er sich hebt. Wer mutmaßt, betritt ein Niemandsland, das weder der Wissenschaft gehört noch der Phantasie – sondern jener feinen Ritze im Weltgefüge, durch die bisweilen das Licht der Erkenntnis dringt.
Ich pflegte sie seither wie andere ihren Garten: befreite sie von Unkraut, hielt sie feucht mit Fragen, und ließ sie wachsen, ohne sie zu sehr zu stutzen. Manche blühten auf zu Einsichten. Andere verdorrten über Nacht. Aber stets gaben sie dem Tag jene Unruhe, die ihm Bedeutung verleiht.
Denn am Ende – das ist meine letzte Mutmaßung – hängt alles an den kleinen Vermutungen. Der große Entschluss, die Liebe, der Verrat – sie alle wurzeln im kurzen Zögern, im leisen „vielleicht“, im flüchtigen Gedankenschatten, der kaum ausgesprochen schon vergeht. Nur wer ihn ernst nimmt, mag ihn später als Wahrheit erkennen.
An diesem Morgen erschien der Kater nicht.